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Oligarch*innen im Engadin / Grazyna Kulczyk

Bilder wie sie Oligarchen lieben
Bilder wie sie Oligarchen lieben

In einer Woche, am 23. April 2022, eröffnet in Venedig die Kunstbiennale. Der ukrainische Pavillon wird genauso wie der russische leer bleiben. Auch vor den Giardini wird es leerer sein. In den vergangenen Jahren ankerten dort die Yachten der Kunst sammelnden Oligarchen. Hunderte von russischen Unternehmern stehen seit dem ÜBERFALL AUF DIE KRIM (2015) auf den Sanktionslisten. Nicht aufgelistet sind die * nicht mit Putin befreundeten OLIGARCHEN. Laut eines Berichtes des US-Kongresses wurden seit der Jahrtausendwende über den Kunstmarkt Millionen verschoben und gewaschen. Der georgisch-russische Bauernsohn Bidsina Iwanischwili,  ein Oligarche der ersten Stunde - bereits   1999 wurde Iwanischwilis Vermögen auf 3,2 Mrd. Dollar geschätzt - gehörte den auch zu den ersten  welche  im  Kunsthandel mitmischten.  2006 erwarb er eines der bekanntesten Gemälde von Pablo Picasso, Dora Maar au Chat, für 95 Mio. Dollar.

Moral dieser Geschichte: im Sovietsystem lernt ein armer Bauernsohn wie man reich wird. Not Vital, der berühmteste aller Unterengadiner Künstler dagegen, kommt aus einer Holzhändler - und Sägereidynastie. Schade ist er kein Bergbauernsohn.

 

*Oligarchen, welche nicht mit Putin befreundet sind, sind gute Oligarchen. Grażyna Kulczyk ist eine polnisch-feministische Oligarchin.

Von Posen nach Miami nach Susch. Grazyna Kulczyk gilt heute als die reichste Frau in Polen. Nach der Wende 1989 hat sie mit ihrem damaligen Mann Jan Kulczyk staatliche Unternehmen privatisiert. Als sie sich 2005 scheiden liessen, wurde das gemeinsame Vermögen auf drei Milliarden Franken geschätzt. Eine schöne Leistung, 3 Milliarden in 15 Jahren. Schapo!

 

Die Oligarchen. Sie mögen die Schweiz und  sind sie gerne gesehen. Aber auch eher unbeachtet. Diskret. Die Medien sind  begeistert von ihnen. Sie liefern Stoff für Storys. Schöne Frauen, schöne, grosse Schiffe, grosse Partys. Ihr Geld ist unwiderstehlich. Auch die Journalisten Jürg Wirth und Gerhard Mack sind vom Charme der polnischen Investorin, die aus der ehemaligen Brauerei in Susch eine Galerie gemacht hat,  nun ja, überwältigt. Der eine schrieb darüber in der "Zeit Schweiz". Wenn mich jemand gefragt hätte, was nicht der Fall ist, wo würdest du eine grosse Galerie bauen im Kanton Graubünden. Was meinst du? Eine Lawinengalerie? Nein, eine Kunstgalerie. Ich hätte ich bergeistert geantwortet „In Susch wo den susch!“

 

Die Schweizer Alpen sind ein beliebtes Rückzugsgebiet verunsicherter Oligarch*innen. Das ist auch ein WEF-eff-ekt. Sie suchen die Sicherheit. Das Reduit.

 

 

Im Tagesanzeiger stosse ich auf einen älteren Artikel des geschätzten Autors Kalberer. Dieser konnte, wohl auf Einladung des Not Vital, unter anderem  Besitzer des Schlosses Tarasp -  bei der Einweihung einer Stallgalerie dabei sein.

 

Natürlich hat man die Kühe vorher umgestallt. Davor war da Kuh-Geburt-Kalb-Mekonium--Heu-Wiederkäuen-Kettengerassel- Karbid -Dung-Brunz. Darin stellt unter anderen Not Vital, der Einheimische, seine Kunst aus. Kamelköpfe aus Bronze. Für 140'000 Franken käuflich, als Zugabe ein Kamelmilchkäse aus einer uigurischen Sauerkäserei. Zeitgenössische Kunst. Zeitgenössische Kunst ist nicht eidgenössische Kunst. Es  ist Dubai, Schanghai, Tokio, Peking, New York und  London und Venedig. Susch, Sent, Madulain, Zuoz. Ein Widerspruch ! Darüber soll Kalberer schreiben. Leben wir doch in geopolitischen Zeiten ! Wann, so muss man sich heute fragen, werden neben den Yachten Kunstsammlungen beschlagnahmt ?

 

Kalberer hat in dieser Ausstellung, es war so kalt, dass die anwesenden weiblichen Gäste Pelzmäntel trugen, sibirischer Fuchs, kaukasischer Schneelöwe, wenig irisches Schaf, gefröstelt. Sich mutterlos gefühlt. Kalberer kam sich ein wenig abgekalbert vor. Er kam auf die Welt. Stroh, Krippe. Geburt & Tod, Hegels Samenkornmetapher geht ihm wohl durch den Kopf. Er hadert. Das merkt man, wenn man den Artikel liest. Zu Kalberer sage ich, erinnere dich, Wachmeister Studer, der hatte doch immer den Flachmann dabei. Und sich nicht scheniert.

 

Früher in den Sennereien auf den Alpen hat auch der Wind hineingeblasen. Der binäre Senn und der Zusenn hatten ein schönes Feuer unter dem Kessi.  Auf der Zündholzschachtel war das Schloss in Tarasp abgebildet. Hätte man ein paar schöne Kühe behalten in diesem Galeriestall, es wär ein Stück gemütlicher gewesen. Von der Selbst- zur Frembestimmung. Freier Weidgang-Allmend-Genossenschaft-Subventionen-Freilaufstall-Lebende Tiere-Meliorationsstrasse-Kunstgalerie. Ich sehe die zwei jungen Kuratoren, sie können romanisch, wie sie Champagner einkaufen. Oder Pro Secco.

 

Oligarchische Weiber mit Bodyguards waren da.

 

Russische und ukrainische Oligarchen, ihre Existenz ist nachgewiesen. Bei den Polnischen weiss man es nicht so genau. Die ukrainischen sind gut dokumentiert. Man kann, um mehr darüber zu wissen, das Buch „Generation P“ von Victor Pelewin lesen oder auf youtube (aktuell nicht mehr) den Dokumentarfilm "The Other Chelsea - Fußball und Oligarchen" von Jakob Preuss -  anschauen. In diesem Film sieht man auch eine voll besetzte VIP-Loge wie sie 1995 in die Luft gesprengt wurde.* Grosse Gelder wurden zuletzt verteilt rund um die Fussball-Europameisterschaft 2012 in der Ukraine und Russland.

 

Not Vital stellt auch ein handgeschmiedetes Porträt von Gian Marchet Colani, einem legendären Engadiner Jäger, aus. Kostet 80‘000 Franken. Colani ist schon lange tot. Man nannte ihn auch den König der Bernina. Er hatte etwas mit einer Cilgia, einer schönen, stolzen Engadinerin.

 

Zu schon später Stunde, erzählt mir ein Jungkünstler in Chur, sei ein Typ hereinplatzt, verschwitzt und stinkend, in Jägerkluft und habe eine tote Gemse und eine Jagdflinte in die Ecke geknallt und geschrien: Yǒu shé me kěyǐ zài zhèlǐ hē de.

 

Dann sei Not Vital gekommen und habe gesagt: Ai wei wei wei, Colani. Und der Mann sei ganz sanft geworden.

 

  * Rinat Achmetow ist ja einer der Oligarchen, der einen Fußballklub hat, Schachtjor Donezk. Muss man vielleicht wissen, dass er gezögert hat, diesen Klub zu übernehmen 1995, denn sein Vorgänger Bragin – der war einer der ersten, der diese Mode ,  reiche Männer legen sich Fußballklubs zu als Spielzeug und Aushängeschild. Dieser Bragin, er wurde auch Oleg der Grieche genannt, auf ihn wurden drei Attentate verübt und das dritte war dann erfolgreich. Das war während eines Spiels, im Fußballstadion explodierte eine Bombe in der VIP-Lounge. Achmetow kam an diesem Tag 15 Minuten zu spät, das hat ihm vielleicht das Leben gerettet. Er hatte danach große Angst, diesen Klub zu übernehmen. (Jakob Preuss).

 

Das war die Ukraine anfang der 90er Jahre. Diese Betrachtung stammt aus dem Jahre 2022, Januar. Vladimir Kurtz, Autor.

 

 

 

 

 

 

Baukartell-PUK Graubünden
Sommersitz der Redaktion / Lugirien
Baukartell-PUK Graubünden
Redacteur en Chef & de Cuisine: Kurt von Arb

Beste Popliteratur, mit klugen Miniaturen zu Natur, Gesellschaft, Literatur, vor allem immer wieder über das Altern. Kurtz hat so ziemlich alle Berufe ausgeübt, die man sich vorstellen kann. War Bergkehrichtmann, vierfacher Genossenschaftsgründer, Metzger, Bauer, Hotelbetreiber, Koch, um nur einige Beispiele zu nennen, die mir in Erinnerung geblieben sind. Seit Jahren verbringt er mit seinem Hund Tito, einem Widergänger des bekannten Tito, den Sommer als Hirt auf Mutterkuhalmen. Und so dreht sich denn auch einiges um das Auskommen mit Tito. Nach einem so klugen Hirten wird man suchen müssen. Kurtz zählt für mich zu jenen immer selteneren Menschen, die nicht nur über eine Ausbildung, sondern über Bildung verfügen. An Popliteratur denke ich deshalb, weil banale Sprachabfälle, Werbetexte, Produktaufschriften etc. seine Texte durchziehen. Autoren wie Vladimir Kurtz fallen durch alle Raster. Zu alt. Zu eigenwillig. Zu viel Selbstironie, die manchmal ganz schön bitter sein kann.                                                     (Bernhard Kathan, Hidden Museum)