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Oligarchen im Engadin

Yǒu shé me kěyǐ zài zhèlǐ hē de.

 

Liebe Unter-Engadiener & Zimmermädchen,

 

 

 Als Inhaber eines Kontos bei der Raiffeisen-Bank, der früheren Raiffeisen-Kasse, die noch immer eine Genossenschaft ist, habe ich oft freien Zugang zu Museen. 1972 bin ich nach London getrampt und ein einheimischer Squatter hat mich in das Museum of Modern Art, mitgenommen. Heute bin ich soweit, dass ich alle zwei Jahre nach Venedig pilgere, zur Biennale, und früher noch, als diese weniger besucht war, in lichten Momenten Mitteilungen empfangen habe über den Sinn des Lebens, gesandt von den ausstellenden Künstlern. Ich gebe zu, vieles verstand ich nicht. Meine Englischkenntnisse konnte ich laufend verbessern, was mir aber als Mutterkuhhirte nicht viel nützt. Den Ausdruck für Mutterkuh, Sucklercow, auf der Gefahrenwarntafel entlang der Wanderewege finde ich irreführend. Der Ausdruck wirkt verharmlosend. Auf alle Fälle ist es ja das Kalb das saugt. Es gibt Mutterkühe die an anderen Mutterkühen saugen, das ist nicht vorgesehen, das ist ein eigentliches Junkieverhalten, oder einfach Diebstahl und man versucht es zu unterbinden indem man dieser Kuh einen sogenannten Stachel in die Nasenlöcher klemmt, der dazu da ist das Euter der gesuckelten Cow zu picksen, sodass diese in eine Abwehrbewegung verfällt die wiederum die an der Kuh saugende Kuh vertreibt. Ein erhabenes Unterfangen der Kuhbesitzer, das meist nur Symbolwert hat. Eine Performance.

 

Im Tagesanzeiger stosse ich auf einen Artikel des geschätzten Autors namens Kalberer. Dieser konnte, wohl auf Einladung des Not Vital, Unterengadiner Künstler und Besitzer des Schlosses Tarasp, das manchem Hirten und Sennen bekannt sein dürfte, weil es auf der Züdnholzschachtel abgebildet ist- wie übrigens auch das Stockhorn und das Schloss Chillon- bei der Einweihung einer Stallgalerie dabei sein.

 

Natürlich hat man die Kühe vorher umgestallt. Davor war da Kuh-Geburt-Kalb-Mekonium--Heu-Wiederkäuen-Kettengerassel- Karbid -Dung-Brunz. Darin stellt Not Vital seine Kunst aus. Kamelköpfe aus Bronze. Für 140'000 Franken käuflich, als Zugabe ein Kamelmilchkäse aus Sauerkäserei. Zeitgenössische Kunst. Zeitgenössische Kunst ist nicht eidgenössische Kunst, zeitgenössisch ist international. Dubai, Schanghai, Tokio, Peking, New York und wie wir schon wissen, London und Venedig. Und Susch, Sent, Madulain, Zuoz. Darüber soll Kalberer schreiben.

 

 Kalberer hat in dieser Ausstellung, es war so kalt, dass die anwesenden weiblichen Gäste Pelzmäntel trugen, sibirischer Fuchs, kaukasischer Schneelöwe, wenig irisches Schaf, gefröstelt. Sich mutterlos gefühlt. Kalberer kam sich ein wenig abgekalbert vor. Also ich meine, der kam auf die Welt. Geburt & Tod, Kant geht ihm wohl durch den Kopf. Er hadert. Das merkt man wenn man den Artikel liest. Zu Kalberer sage ich, erinnere dich, Wachmeister Studer, Glauser, der hatte doch immer den Flachmann dabei. Und sich nicht scheniert.

 

 Früher in den Sennereien auf den Alpen hat auch der Wind hineingeblasen, aber der Senn und der Zusenn hatten ein schönes Feuer unter dem Kessi, dass sie mit einem Zündholz entzündet haben. Auf der Zündholzschachtel war das Schloss Tarasp abgebildet. Hätte man ein paar schöne Kühe behalten in diesem Galeriestall, es wär ein Stück gemütlicher gewesen. Von der Selbst- zur Frembestimmung. Freier Weidgang-Allmend-Genossenschaft-Subventionen-Freilaufstall-Lebende Tiere-Meliorationsstrasse-Kunstgalerie. Ich sehe die zei jungen Kuratoren, sie können romanisch, wie sie Champagner einkaufen. Oder Pro Secco. Kennen sie sich aus. Sie sehen nicht so aus.

 

 Oligarchische Weiber mit Bodyguards scheinen sich da getummelt zu haben. Mit teuren Handtaschen voll parfümierter Geldscheine. Das ist jetzt eine verschlüsselte Botschaft.

 Mit dem gutriechenden Geld hat Not Vital das Schloss gekauft. Und dank der Vernetzung natürlich.

 

Oligarche das ist kein Fake. Russische und ukrainische Oligarchen, ihre Existenz ist nachgewiesen. Bei den Polnischen weiss man es nicht so genau. Die ukrainischen sind gut dokumentiert. Man kann, um mehr darüber zu wissen, das Buch „Generation P“ von Victor Pelewin, lesen oder auf youtube den Dokumentarfilm "The Other Chelsea - Fußball und Oligarchen"  von Jakob Preuss - https://youtu.be/DRqvlZDjp2M anschauen. In diesem Film sieht man auch eine VIP-Loge wie sie 1995 in die Luft gesprengt wurde.* Grosse Gelder wurden zuletzt verteilt rund um die Fussball-Europameisterschaft 2012 in den Ukraine und Russland.

 

Von Posen nach Miami nach Susch. Grazyna Kulczyk gilt heute als die reichste Frau in Polen. Nach der Wende 1989 hat sie mit ihrem damaligen Mann Jan Kulczyk staatliche Unternehmen privatisiert. Als sie sich 2005 scheiden liessen, wurde das gemeinsame Vermögen auf drei Milliarden Franken geschätzt. Eine schöne Leistung, 3 Milliarden in 15 Jahren. Schapo!

 

Die Oligarchen. Sie mögen die Schweiz und im Gegensatz zum Wolf, sind sie gerne gesehen. Die Medien sind sogar begeistert von ihnen. Sie liefern Stoff für Storys, schöne Frauen, grosse Partys. Ihr Geld ist unwiderstehlich. Auch die Journalisten Jürg Wirth und Gerhard Mack sind vom Charme der polnischen Investorin, die aus der ehemaligen Brauerei in Susch eine Galerie gemacht hat, wie soll ich sagen, nun ja, überwältigt. Er schrieb darüber in der "Zeit Schweiz". Wenn mich jemand gefragt hätte, was nicht der Fall ist, wo würdest eine grosse Galerie bauen im Kanton Graubünden. Was meinst du? Eine Lawinengalerie? Nein, eine Kunstgalerie. Ich hätte ich berggeistert geantwortet „In Susch wo den susch!“

 

Die Schweizer Alpen sind neuerdings ein beliebtes Rückzugsgebiet verunsicherter Oligarch/innen. Das ist auch der WEF-Eff-ekt. Sie suchen die Sicherheit und wer, wenn nicht sie, hat den nötigen Instinkt um Gefahren zu erkennen.

 

 Not Vital stellt auch ein handgeschmiedetes Porträt, von Gian Marchet Colani, einem legendären Engadiner Jäger. aus. Kostet 80‘000 Franken. Colani ist schon lange tot. Man nannte ihn auch den König der Bernina. Er hatte etwas mit einer Cilgia, einer schönen, stolzen Engadinerin.

 

Zu schon später Stunde, erzählt mir ein Jungkünstler in Chur, sei ein Typ hereinplatzt, verschwitzt und stinkend, in Jägerkluft und habe eine tote Gemse- mit Tannenzweig? -  ja mit -  und eine Jagdflinte in die Ecke geknallt und geschrien: Yǒu shé me kěyǐ zài zhèlǐ hē de.

 

 Dann sei Not Vital gekommen und habe gesagt:  Ai wei wei wei, Colani. Und der Mann sei ganz sanft geworden.

 

 

 

 

 

 

* Rinat Achmetow ist ja einer der Oligarchen, der einen Fußballklub hat, Schachtjor Donezk. Muss man vielleicht wissen, dass er gezögert hat, diesen Klub zu übernehmen 1995, denn sein Vorgänger – der war einer wirklich der ersten, der diese Mode, kann man ja schon fast sagen, dass reiche Männer sich da also Fußballklubs zulegen und das so ein bisschen als ihr Spielzeug und Aushängeschild benutzen ,– das war Bragin, der wurde auch Oleg der Grieche genannt, auf den wurden drei Attentate verübt und das dritte war dann erfolgreich, das war während eines Spiels, im Fußballstadion explodierte eine Bombe in der VIP-Lounge. Achmetow kam an diesem Tag 15 Minuten zu spät, das hat ihm vielleicht das Leben gerettet. Er hatte danach große Angst, diesen Klub zu übernehmen. (Jakob Preuss)