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Mutterkuh tötet Alpmeister . Wolf kommt, war schon da, geht wieder.

 Als Alphirte ist man umgeben von allerlei Projekten und Programmen, Beraterteams, Kartierer, Kontrollören. Ein Gefühl von Bekümmerung verbreitet sich. Nur die Neophyten lachen. Es gibt ein Kantonales Amt für Langsamverkehr und man denkt bei langsam an einen Wanderer. Aber langsam langsam. Dieses Amt unter der Führung eines leidenschaftlichen Bikers und Tangotänzers hat das Projekt „Graubünden Bike“ lanciert, Wanderwege zu Trails gemacht, Beschleunigung & Dynamik in die Sache gebracht. Er wurde nun pensioniert. Das Nachfolgeprojekt heisst „Graubünden hike“. Mein Projekt heisst, und das wird man in den folgenden Tagebuchtexten auch so zu spüren bekommen, „Graubünden fuck“.

 

Dieses Jahr haben wir es mit der Kampagne «Rindvieh und Wanderwege» zu tun. Hier wird suggeriert, dass die Präsenz von Wolf und Luchs dazu führt, dass unsere Herden nervös werden, und zwar nicht nur die sowieso zur Nervosität neigenden Mutterkuhherden, sondern auch Jungviehherden, aus Mesen und Kalbern bestehend. Meiner Erfahrung widerspricht das vehement, doch bereits steht das so in den Medien und in Broschüren, die unter anderem an unsere jungen städtischen Älpler/innen verteilt werden, die ja gerne an so etwas glauben, sie suchen das Abenteuer.

 

Wir kommen zu den Verschwörungstheorien. Die meine ist, dass die Theorie der nervösen Herde von den Bauern und Wolfsfeinden gestreut wurde. Vor allem von den Mutterkuhbauern. Angefangen hat es mit dem Todesfall von Laax, als Mutterkühe eine deutsche Touristin zertrampelten. Die Mutterkühe waren nervös, so die These, weil der Wolf an diesem Tag in der Nähe war, nicht weil sie frischgeborene Kälber hatten. So war es zu hören an den Stammtischen. Ohne Wolf wäre Frieden und Harmonie zwischen Mensch und Mutterkuh.

 

Die zweite Verschwörungstheorie besagt, dass die Natur- und Nationalpärke,  die hier mehr und mehr eingerichtet werden zur Vermarktung von Nischenprodukten usw., ein Projekt der EU seien, mit dem Ziel, europaweit Zonen frei zu machen, um darin Wölfe auszusetzen. Weit weg entscheiden dunkle Gestalten in Büros über uns.

 

Das alles erinnert mich an die Wölfe von Tschernobyl und daran, wie bereits acht Jahre nach der Katastrophe Wissenschaftler im Umkreis des Tschernobyl-Reaktors dreimal mehr Tiere als vorher zählten. Als einziger Mensch soll sich der «Atompapst» Michael Kohn ganzjährig dorthin zurückgezogen haben. Offensichtlich haben sich die Tiere der Region an die hohe Strahlung angepasst, berichten die Forscher aus Texas. Ja, aus Texas. Weissrussland hat aus solchen Zählungen längst Konsequenzen gezogen und seinen Teil des Sperrgebietes zum «staatlichen radioökologischen Naturpark» erklärt. Darin wurden vom Aussterben bedrohte Arten wie Wisente angesiedelt, auf der ukrainischen Seite wurden Przewalski-Pferde freigelassen. Wir sehen, geschehe, was wolle, es geht weiter. Irgendwie. 

 

Soviel zu den Natur- und Nationalpärken und der Freiheit des Wortes und der Freiheit, irgendwelchen Quark zu erzählen.

 

Es lebe die Radioökologie!

 

 

Baukartell-PUK Graubünden
Sommersitz der Redaktion / Lugirien
Baukartell-PUK Graubünden
Redacteur en Chef & de Cuisine: Kurt von Arb

Beste Popliteratur, mit klugen Miniaturen zu Natur, Gesellschaft, Literatur, vor allem immer wieder über das Altern. Kurtz hat so ziemlich alle Berufe ausgeübt, die man sich vorstellen kann. War Bergkehrichtmann, vierfacher Genossenschaftsgründer, Metzger, Bauer, Hotelbetreiber, Koch, um nur einige Beispiele zu nennen, die mir in Erinnerung geblieben sind. Seit Jahren verbringt er mit seinem Hund Tito, einem Widergänger des bekannten Tito, den Sommer als Hirt auf Mutterkuhalmen. Und so dreht sich denn auch einiges um das Auskommen mit Tito. Nach einem so klugen Hirten wird man suchen müssen. Kurtz zählt für mich zu jenen immer selteneren Menschen, die nicht nur über eine Ausbildung, sondern über Bildung verfügen. An Popliteratur denke ich deshalb, weil banale Sprachabfälle, Werbetexte, Produktaufschriften etc. seine Texte durchziehen. Autoren wie Vladimir Kurtz fallen durch alle Raster. Zu alt. Zu eigenwillig. Zu viel Selbstironie, die manchmal ganz schön bitter sein kann.                                                     (Bernhard Kathan, Hidden Museum)