2018, eine Kunstaktion des Luzerner Roland Roos. Die Dunantspitze heisst wieder Ostspitze. So wie bis zum Jahr 2014. Und so zumindest liest man es auf dem Schild, welches auf dem Gipfel des Berges zu finden ist. Roland Roos hat die Dunantspitze umbenannt – ein neues Schild macht auf die Entscheidung des Bundesrats aufmerksam, Waffenexporte in Bürgerkriegsländer zuzulassen. Eine illegale Aktion, die ihn einen Förderbeitrag der Stadt Zürich von 24’000 Franken kosten könnte. (Remember Wolfram Weimer, Deuschlands Kulturminister).
Kein Geld, keine Vernissage. Für den Luzerner.
24’000 Franken. Zumindest vorläufig. Denn der für ihn vorgesehene Kulturförderbeitrag des Kantons Zürich wird nun bis auf Weiteres zurückbehalten. Die Zürcher Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP) hatte nach Bekanntwerden der Aktion veranlasst, dass dem Künstler die 24’000-Franken-Prämie vom Kanton vorerst nicht ausbezahlt wird. Jemand aus meinem Umfeld hat mal gesagt: «Also, ich finde die gut». Die Jaqueline Fehr. Sie gehört aus verschiedenen Gründen zum Feindbild des Schreibenden. Nicht nur wegen ihres Mangels an Kunstaffinität. Hauptsächlich ihr Bezug zur U-Haft. Und deren Bedingungen. Auf Roland Roos bin ich im Buch zur Ausstellung Kunst und Landwirtschaft (Über die Liebe zum Land) gestossen. Welche mich damals enttäuscht hat, aber ich war wohl auch schlecht drauf. Oder meine Vorstellung von Landwirtschaft kollidierte mit jener der Künstler. Es ging mir also wie Jaqueline Fehr. Die ja keine Ahnung hat. Weder von Kunst noch von Haft. Immerhin hat der Schreibende eine Ahnung von Landwirtschaft und U-Haft. Aber ich vergebe keine Preise. Einst vergab ich aber Konzertauftritte und Gemälde- wie auch Fotoausstellungsflächen. Ich war im Besitz (Pacht) solcher Räume, welche man, wie man heute sagt, bespielen kann.
Jaqueline Fehr ist eine SP-Politikerin, welche nicht wahrnehmen wollte, dass die U-Haft in ihrem Kanton von liberalen, also nicht linken, Anwälten als Erpressungshaft kritisiert wird. Bis sie hörte, dass U-Häftlinge – das sind nicht verurteilte, verdächtige Personen, welche oft zum ersten Mal in ihrem Leben in einer Zelle sitzen – nur einmal pro Woche duschen können. Sie empört sich anlässlich einer Pressekonferenz darüber. Sie muss eine Person sein, welche zweimal pro Tag duscht, um sich wohlzufühlen. Ich könnte noch mehr aufführen, in Bezug auf Haft im Kanton Zürich, etwa jene der «Ausschaffungshäftlinge», welche keinerlei Verbrechen begangen haben. Sie müssen laut Gesetz mildere Einsperrungformen haben als gerichtlich Verurteilte. Bei der U-Haft ist es so, dass vermutete Unschuldige, später Freigesprochene, strengere Haftbedingungen – Isolation, Kontaktsperre, nur eine Stunde Hofgang – haben. 10 Jahre hat sich Frau Fehr dagegen gesperrt, bis sie einsichtig wurde, und verspricht, ihre Haftsysteme menschenrechtlich zu verbessern.
Meist sind diese Verbesserungen leider nicht durchsetzbar, aus «baulichen Gründen». Hört man nebenbei, falls man sich darum kümmert. Sich darum kümmern kann man, falls man frei ist. Und Kunstausstellungen über die Liebe zum Land besuchen kann. Der Walser meint übrigens das Gegenteil, wenn er Land sagt. Ins Land gehen meint bei ihm: hinaus aus dem Dorf, in die Stadt. Oder wenigstens nach Küblis oder Schiers.
Die Dunantspitze – respektive Ostspitze ist mit 4631 Metern über Meer – bravo Roland Roos – die zweithöchste Erhebung der Schweiz und liegt im Wallis. Das höchste Gebäude ist der Roche-Turm (205 Meter) in Basel. Ein schwacher Versuch des Kapitals, den höchsten Berg des Landes in den Schatten zu stellen. 20 Millionen Franken hat das Bodmer* Family-Office gespendet, damit für den Kunsthaus-Anbau in Chur ein selektiver Architekturwettbewerb durchgeführt werden kann. 1.95 kostet ein Liter Agri Natura Vollmilch, maschinengemolken, im VOLG.
Die Ruinen auf den unwegsamen Monti, fotografiert von Oliver Gemperle im Calanca, verendet zwischen Farnkraut, Birken und Erlen, sind nicht romantisch und erinnern auch nicht an Gaza. Im Fotobuch von Gemperle – auch er ist Teilnehmer dieser Ausstellung – ist der Niedergang der Berglandwirtschaft im Calanca gut erklärt. Zeitlich geht er einher mit dem Ende der grossen, produzierenden Industriewerke in den Metropolen. Landwirtschaft & Kunst 2026/Vladimir Kurtz
*Das Textilgeschäft wird in den 2010er-Jahren eingestellt, seither konzentriert sich die Firma auf Immobilien.
