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Q-ein Verräter?

Um in das Val zu gelangen, fährt man über den Pass. Auf der Höhe des Passes trifft man auf eine Art lang gezogene, fast ebene, gerade Autobahn mit einer Länge von ca. 12 Kilometern, welche einsam durch menschenleere Föhrenwälder führt. Man wähnt sich in den Vereinigten Staaten. Bei einem Halt auf einem der nummerierten Parkplätze können wir auf einen Eichhörnchen fütternden Ranger treffen. Eine heile Welt, in der wir trotzdem Gas geben können. Oben angelangt entspannen sich die Motorradfahrer Europas, lassen die Beine baumeln. Wir sind auf dem Weg zu einem der Schauplätze unserer Serie Q - ein Verräter.

1500 Menschen bewohnen sechs Gemeinden, ein Kloster, ein Spital, welches der grösste Arbeitgeber ist. In Santa M. befindet sich ein Polizeistützpunkt. 

 

Drehbuch. Treatment und lose Szenefolgen, Figuren einer vom romanischen Fernsehen zu gestaltenden Serie.

 

In der ersten Szene sehen wir den jungen Quadroni zusammen mit seinem Vater auf der Jagd. Sie stapfen durch den Schnee, Wald, Niederjagd. Es schneit ruhig, der Schnee liegt fusshoch, der Wald ist jener von Tamangur. Bergkulisse. Der alte Quadroni trägt eine PTT-Kunsstfellmütze (Fargo!) Ein Fuchs huscht durch das Bild. Ein Schuss, noch einer. Dann Stille.

 

Wir sehen Quadroni seinem Hobby, der Kalligrafie, nachgehend, in der stillen Stube, Kamin, Feuer. Im ungestümen Spiel mit seinen Töchtern auf der Jagdhütte. Bei seiner Arbeit im Steinbruch.

 

Man hat sich Adam Quadroni ein wenig so vorgestellt, auch wenn man ihn auf den Fotos sah, ein sanfter, aufrechter Mann. Ein Liberaler. Nicht als ein Mann, der Jahrzehnte lang immer wieder betrieben wurde, 4 Millionen Franken Schulden angehäuft hat, bis zum Konkurs, der 30 Arbeiter arbeitslos machte. Man traute ihm ein wenig zu, dass er seine Geschäfte nicht mehr im Griff hatte, und allmählich den Boden unter den Füssen verlor. Manch einer im Tal hat dabei nachgeholfen. Denn für viele ist Quadroni ein Verräter, ein Pentito, oder dann ein Reuiger, ein Geständiger. Im Sinne des Baukartells, das eben leider nichts anderes ist als eine mafiaähnliche Organisation, eben ein Pentito.

Wichtige Leute haben nebenbei immer wieder kleine, giftige Bemerkungen zu seiner Person gemacht. Am Stammtisch, im Verein.

 

Weiter mit den Tieren. Die zu beschlagnahmenden Kaninchen aus seinem Haus, welche er als Geisel halte. Ein Polizeiaufgebot sichert die Sicherstellung der beiden Kaninchen und der sich noch im Hause befindlichen Kinderspielzeuge. Dieser Hausbesuch auf Anweisung des Richters Z. ist gut dokumentiert. Durch eine weitere Protagonistin, bisher nur am Rand in Erscheinung getreten. Die Schwester. Ihr Hund kommt als weiteres Tier ins Spiel.

 

Ansonsten wäre die Serie rund um Not Carl aufgebaut, einen Mann, der überall dabei war. Ein freundlicher Patriarch. Er bietet sich uns auch an, weil er Alphorn spielt und mit diesem die Welt bereist. Manchmal im Sennenchutteli auftritt. Er ist nicht immer da. Und doch überall dabei.

 

Wir haben die Skyline der hohen Berge und die Sgrafitti-Tiere des Steivan Liun Chönz, einem wahren Engadiner Löwen, welche wir als Übergänge nutzen können.

 

Es geht um Ehre. Der Gerichtspräsident im Spannungsfeld des immer mehr dem Tourismus verpflichteten Gemeinwesens. Sein Alltag ist geprägt von Vergehen wie Alkohol am Steuer, Kokainbesitz einheimischer Jugendlicher, Skidiebstählen und Jagdvergehen, häuslicher Gewalt, Selbstmord im Zusammenhang mit Konkursen und der Zusammenarbeit mit dem KESB.

 

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Wir gehen in ein Bürogebäude, in eine Stadt, Skyline. Frank Stüssi, Chef der WEKO erscheint. Ein salopper Typ, der auf den ersten Blick einem Bündner Regierungsrat verwandt erscheint, gleicher Anzug.

 

Bündner Regierungsräte, alle männlich, sehen – wenn wir sie auftreten lassen, wie auch übrigens in der Realität- beinahe unterschiedslos gleich aus. Wie geklont. Ausser einem.

 

Der Ort S. im Zentrum. In einem Café eine Art Frauenstammtisch. Ältere Frauen aus einem kleinbürgerlichen Milieu, die Kinder sind schon erwachsen. Sie tratschen über Q. Dessen Heirat mit einer Nichtansässigen. Hier spielt auch Not Carl wieder eine Rolle. Noch ist Q. unschuldig, unberührt. Er fällt aber auf. Kleine Abweichungen.

 

Natürlich gehört eine Hochzeit in die Serie, eben diese. Gross und aufwendig. Vermögen wird dargestellt. Eine Beerdigung auch. Die seines Vaters. Ein geachteter, respektierter Mann. Der Bruder ist da zu sehen. Dieser, wie man hört, sei über den Tisch gezogen worden. Erbschaftsgeschichten. 

 

Der Kriminalteil: Polizeimilieu, wie es in den polnischen Serien zu sehen ist. Wir sehen einen Einsatz gegen Hockeyhooligans. Die Eishalle von S. Lokalderby, betrunkene Fans. Auf der Tribüne sind sie alle versammelt, die Honoratioren und ihre Schatten, Lokalkolorit.

 

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Überlebensgross hängen die beiden Regierungskandidaten der BDP, Schlegel und Andreas F. seit Wochen an der Stallwand eines alt-Nationalrates und empfehlen sich den wenigen vorbeifahrenden Automobilisten – wir befinden uns in einer Randregion – zur Wahl. Zwei Tage nachdem die Schweizer Presse über das Baukartell berichtet hat, sehen wir den Alt-Nationalrat zusammen mit seinem Sohn in der Morgenfrühe, unter Zuhilfenahme einer Leiter, die überdimensionierte, die ganze Stallwand bedeckende Wahlwerbung, abmontieren. Der eine der Kandidaten ist Polizeikommandant, der andere Präsident des kantonalen Baumeisterverbandes. Beide sind frisch enttarnte Protagonisten im Baukartell-Skandal. Noch unter Unschuldsverdacht. Die Wahlen aber sind nahe.

 

Der von der grossrätlichen PUK (parlamentarischen Untersuchungskommission) als Gutachter beauftragte Alt-Staatsanwalt trifft sich mit einem Mitglied der Kommission, einem Bergbauern. Alexander G. – in seinem Bergbauernheimet hoch über dem Tal mit seinen Handwerkerbetrieben und Baugeschäften. Wir sehen eine gute alte Walserstube mit ihrem schlichten und diskret an die Zeit der Gotik erinnernden Buffet – es muss nicht unbedingt Arve sein. Die Pendeluhr aus alter Zeit tickt laut in die kurze Stille, bevor die erste Frage kommt.

 

Einbezug des Alltagslebens dieses PUK-Mitgliedes, (SVP), Bergbauer in einer abgelegenen Walsergemeinde. Wir nehmen teil am harten Arbeitsalltag und erleben, trotz seiner konservativen politischen Grundhaltung, einen demokratisch gesinnten Verantwortungsträger.

 

Den Alt-Staatsanwalt sehen wir immer wieder, wie er durch ein Twin Peaks-ähnliches Graubünden seinen Befragungsterminen nachgeht. Wir arbeiten mit den protokollierten Befragungen aus dem PUK-Bericht. Wir können Sympathien und Antipathien entstehen lassen. Zwischen dem Befrager aus dem Unterland und betroffenen Einheimischen. Freundschaften. Vielleicht Flirts. Aber keine Gleichgeschlechtlichen. Oder doch?

 

Die Figur Andreas Brunner (70), der frühere Leitende Oberstaatsanwalt des Kantons Zürich. Sie ist eine der tragenden Figuren. Die Ausgestaltung dieser Figur lässt verschiedene Möglichkeiten zu. Ein sportlicher, sehr vitaler Pensionierter. Wir können ihn Pfeife rauchen lassen oder wir lehnen uns direkt an die authentische Vorgabe an. «Vor fünf Jahren erreichte er sein Pensions­alter, ein Jahrzehnt lang leitete er davor die grösste Straf­untersuchungs­behörde der Schweiz mit weit über hundert Staats­anwälten, nach einer Justiz­reform frisch neu organisiert – Brunner selber war deren Projektleiter gewesen.

Der promovierte Jurist hat den Ruf, einen messerscharfen Verstand zu besitzen. Und vor allem ein unbestechlicher Strafverfolger zu sein. Macht beeindruckt ihn nicht, höchstens vielleicht seine eigene. Wie ein Greifvogel vor dem Sturz blickt Brunner über das Referentenpult.»

 

In den kürzeren mündlichen Ausführungen betont der Gutachter drei Verbindungen zwischen an der Quadroni-Verhaftung beteiligten Personen und der Unterengadiner Bauwirtschaft:

 

Die Mitarbeiterin des Sozialdiensts, Claudia Staffelbach, verheiratet mit einem Architekten, der gemäss Quadroni vom Kartell begünstigt war.

Der Chef der Regionenpolizei, Marco Steck, mit einer Bauleiterin verheiratet, die gemäss Quadroni ebenfalls vom Kartell begünstigt war.

Und Regionalgerichts­präsident Orlando Zegg, dessen Familie ein (Bau-)Transport­unternehmen hat – «ein Familien­unternehmen», wie Brunner betont. (aus Republik)

 

 

Weiblicherseits bietet sich als Hauptprotagonistin die Ehefrau Q. an. Mit biografischen Rückblenden. Ankommen im fremden Land. Dem Unterengadin. Im Gastgewerbe arbeiten.

 

 

Nun spannen wir die Fäden, welche gespannt wurden, nachdem nach aussen drang, dass Q. sich – zum ersten Mal und noch ohne Erfolg – an den Gemeindepräsidenten von S. und späteren Vorsteher des Baudepartements gewandt hatte. Um ihn auf die Preisabsprachen aufmerksam zu machen. Und so fort. Fortsetzung folgt.

 

 

 

 

Baukartell-PUK Graubünden
Sommersitz der Redaktion / Lugirien
Baukartell-PUK Graubünden
Redacteur en Chef & de Cuisine: Kurt von Arb

Beste Popliteratur, mit klugen Miniaturen zu Natur, Gesellschaft, Literatur, vor allem immer wieder über das Altern. Kurtz hat so ziemlich alle Berufe ausgeübt, die man sich vorstellen kann. War Bergkehrichtmann, vierfacher Genossenschaftsgründer, Metzger, Bauer, Hotelbetreiber, Koch, um nur einige Beispiele zu nennen, die mir in Erinnerung geblieben sind. Seit Jahren verbringt er mit seinem Hund Tito, einem Widergänger des bekannten Tito, den Sommer als Hirt auf Mutterkuhalmen. Und so dreht sich denn auch einiges um das Auskommen mit Tito. Nach einem so klugen Hirten wird man suchen müssen. Kurtz zählt für mich zu jenen immer selteneren Menschen, die nicht nur über eine Ausbildung, sondern über Bildung verfügen. An Popliteratur denke ich deshalb, weil banale Sprachabfälle, Werbetexte, Produktaufschriften etc. seine Texte durchziehen. Autoren wie Vladimir Kurtz fallen durch alle Raster. Zu alt. Zu eigenwillig. Zu viel Selbstironie, die manchmal ganz schön bitter sein kann.                                                     (Bernhard Kathan, Hidden Museum)